Wie Sprachfiles die Content Strategie deiner Website hinterfragen

Ich sitze gerade vor einem .po File. Darin stehen sämtliche Texte für meinen User Interface, die ich für den kommenden Website-Update aktualisieren muss. Ich dachte, das geht ratz-fatz. Aber ich sitze schon seit 4 Stunden hier und befinde mich auf der Zeile Nummer 464 aus 7461. 

Warum bin ich denn sooo langsam?

Tja… eins nach dem anderen.

Website Update? Um was geht’s denn?

Kurz erklärt wendet eine Webseite, die sich vorher mit Urlaub beschäftigt hat, ihr Fokus auf Ausflugsziele und Freizeitaktivitäten. Welche Herausforderungen im Bezug auf die Texte in User Interface sind damit verbunden?

Ein anderes Wort hat andere Länge

Da geht es um die Labels. Es ist oft sehr schwer ein Synonym oder anderes passendes Wort für den Label in eine vorgegebene Sprache zu finden. Wenn vorher auf einem Label in Hauptmenü ‚Gewässer‘ stand und jetzt ‚Ausflugsziele‘, dann ist es ganze 5 Zeichen länger. Wie wirkt es sich auf alle UI Elementen, die dieses Wort beinhalten, aus? Und im mobilen Ansicht?
Abhängig vom Interface und den Stellen, wo dieses Wort vorkommt, kann es entweder gar kein Problem sein, oder eben umgekehrt.

Die Verwendung vom Passiv

„Mailversand konnte nicht durchgeführt werden.“

Wurde die Verwendung vom Passiv strategisch entschieden oder ist es einfach so so? Das ist mir vor meinem Studium in Content Strategie nie aufgefallen. Das Passiv in den Sätzen macht sie so streng, kalt und schwer zum Lesen. Ehrlich gesagt, vergeht mir  jede Freude am Urlaub oder Ausflug, wenn ich es über so eine Webseite planen soll. 

Wie wäre es mit: „Oje! Mailversand hat nicht geklappt.“

User allein mit UI-Problemchen lassen

„Fehlercode %s“

Hey, User, du weißt nicht was das bedeutet und was man damit macht? Tja, dann hast du wohl nichts auf unsere Seite verloren! Tschü.

Jetzt aber ernst. So eine Zeile in Sprachfile stellt eine klare Herausforderung da. Fragen, die mich dazu beschäftigen:

  • Muss User überhaupt den Fehlercode wissen?
  • Wenn ja, dann wozu?
  • Was soll der User damit anfangen? Irgendwohin schicken? Wohin? Support?
  • Was würde Support damit tun? Weiß Support überhaupt was damit tun?
  • Wie lange wird das ganze dauern? Verhindert es den User in seinem User Journey?
  • Kann User etwas tun in diese Situation, um sein Journey fortzusetzen bevor Support sich mit dem Fehlercode auseinandergesetzt hat?

Ganz schön viele Fragen für so wenig Text, was? Und diese Fragen sind nicht so leicht zu beantworten, schließlich hinterfragen sie nicht nur die Funktionalität der Webseite, sondern auch Prozesse im Unternehmen selbst. Somit kann man diesen kurzen Text erst dann verbessern, wenn man all diese Fragen beantwortet hat.

Hier ist mein Ergebnis: „Versuche es nochmal oder melde dich mit diesem Fehlercode %s bei unserem Support.“

Gibt es Tone’n’Voice Richtlinien?

„Aktivierungslink ist nicht verfügbar oder abgelaufen. Bitte versuchen Sie
sich erneut zu registrieren“

Kalt, trocken und gefühllos. Das klingt nach einer Computerstimme, die für gar keine Tonalitäten fähig ist. 

Da meine Aufgabe darin besteht diese Texte zu verbessern und ich keine Tone’n’Voice Richtlinien vorfinde, muss ich wohl improvisieren. Locker und motiviert? Oder eher sachlich und kompetent? Ich schätze Ansprache ‚per Du‘ wäre schon mal nicht falsch. Wie wäre es damit:

„Oje! Irgendwas stimmt mit deinem Aktivierungslink nicht. Vielleicht ist er abgelaufen? Bitte versuch dich erneut zu registrieren!“

Was sind unsere Kommunikationsziele?

Die Lösung für das Tone’n’Voice Problem ist nicht optimal. Es entstand aus dem Bauchgefühl heraus. Aber wie wäre es denn richtig? 

Eigentlich sollte das Unternehmen zuerst mal in einem Workshop seine Kommunikationsziele definieren. Die Website ist schließlich nur ein Kommunikationskanal und, wie schön und wahr die bekannte Content Strategin Margot Bloomstein sagt:


„If you don’t know what you need to communicate, how will you know if you succeed?“

Wenn die Kommunikationsziele gesetzt und Markenwerte definiert sind, kann man sich auch über die Tone’n’Voice Richtlinien Gedanken machen.

Das braucht dein UI-Autor, um einen guten Job zu machen

Schlussendlich verbrachte ich circa 10 Stunden mit dem besagten .po File. Und obwohl ich meinen Job gewissenhaft gemacht habe, ist das Ergebnis sehr weit von ’sehr gut‘ entfernt. Warum? Weil es eigentlich nicht in meiner Macht war. UI-Autoren können keine Wunder wirken… außer sie bekommen nötige Richtlinien, um ihre Arbeit an Content Strategie des Unternehmens anzupassen:

  • Kommunikationsziele der Website
  • Tone’n’Voice Richtlinien
  • Infos über Content-Prozesse, bzw. Governance

Wie man selbst diese Content Strategische Grundlagen für ein eigenes Unternehmen aufstellen kann, berichte ich in einem anderen Artikel.

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